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Wall Street der Südstaaten

Die Stadt Charlotte im Bundesstaat North Carolina hat sich zum zweitgrößten Bankenzentrum der Vereinigten Staaten entwickelt.

von NORBERT KULS

CHARLOTTE, 4. Oktober. Eine kurze Fahrt im „Gold Rush“, dem kostenfreien roten Pendelbus, durch das Zentrum von Charlotte lässt keine Zweifel daran aufkommen, welche Branche die Stadt dominiert: Entlang der Tryon Street rüttelt der Bus an eindrucksvollen Wolkenkratzern vorbei. An der Kreuzung von Tryon und Trade Street, den beiden alten indianischen Handelsrouten, ragt das in den neunziger Jahren gebaute, 60 Stockwerke hohe „Bank of America Corporate Center“ in den Himmel des Bundesstaats North Carolina. Es ist der Sitz der mittlerweile zweitgrößten amerikanischen Bank und das höchste Gebäude in Charlotte.Auf der anderen Straßenseite steht ein dunkler Glasturm, den der Schriftzug über dem Eingang ebenfalls als „Bank of America“ ausweist. Weiter südlich öffnet sich ein Platz, den mehrere Hochhäuser der Bank Wachovia säumen – des viertgrößten amerikanischen Kreditinstituts. Schräg gegenüber steht ein beiger Gebäudeklotz mit goldglänzenden Spiegelfenstern. Das war der Sitz von Wachovia, als die Bank noch First Union hieß.Daneben, mit dem Bank-of-America-Stadion der Footballmannschaft Carolina Panthers im Hintergrund, reihen sich die Baukräne an einem gewaltigen Loch aneinander. Dort entsteht ein 48 Stockwerke hoher Wolkenkratzer, der von Mitte 2009 an mehrere Handelssäle für die Wertpapiersparte von Wachovia beherbergen wird. Gleichzeitig entstehen auf dem Gelände Hunderte luxuriöse Eigentumswohnungen neben einem Museum für moderne Kunst sowie einem afroamerikanischen Kulturzentrum. Auch andere Geldhäuser wie die Regionalbank BB&T haben in Charlotte eine starke Präsenz. Aber niemand prägt das Gesicht der Stadt so wie die Bank of America und die Wachovia. Der Aufstieg dieser beiden Banken von kleinen regionalen Kreditinstituten zu national und zunehmend international präsenten Giganten hat Charlotte in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach New York zur zweitgrößten Finanzmetropole der Vereinigten Staaten gemacht – eine Art Wall Street des Südens.„Charlotte besteht nicht nur aus Banken, aber die Banken haben uns bekannt gemacht“, sagt Justin Hunt, der in der Handelskammer der Stadt für internationale Unternehmen zuständig ist. Hunt arbeitete früher für den Vorgänger der Bank of America, die North Carolina National Bank, und hat in den achtziger Jahren deren Frankfurter Niederlassung aufgebaut. Die Bank konkurrierte auch um das Geschäft deutscher Unternehmen in North Carolina. Tochtergesellschaften deutscher Mittelständler stellen das größte Kontingent ausländischer Unternehmen in der Region Charlotte. Im Gegensatz zur Wall Street in New York war Charlotte bisher weniger vom Wertpapiergeschäft geprägt. Bank of America und Wachovia sind im Geschäft mit Privatkunden und mit mittelständischen Firmenkunden groß geworden. Aber das ändert sich sichtbar. Wachovia installierte in diesem Jahr ein Börsenlaufband am Gebäude ihrer Wertpapiersparte in Charlotte, über das alle Aktienkurse der regionalen Unternehmen laufen. Nur der Lokalkonkurrent Bank of America wird dabei geflissentlich ignoriert. Für das Wachstum von Bank of America und Wachovia gibt es mehrere Gründe. Zunächst hatte eine Gesetzeslücke den Banken in North Carolina Anfang der achtziger Jahre einen Vorsprung in der Konsolidierungswelle gegeben, die die amerikanische Bankenbranche in den darauf folgenden Jahren erfasst hatte. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Wachovia-Manager Bob Bertges, der für die Immobilien der Bank zuständig ist, nennt zwei Gründe: „Hugh und Ed“. Mit Hugh ist Hugh McColl gemeint, der frühere Vorstandsvorsitzende der Bank of America und ihrer Vorläufer. Ed ist Ed Crutchfield, der bis zu seiner Krebserkrankung im Jahr 2000 Vorstandschef von First Union war. First Union fusionierte 2001 mit der ebenfalls in North Carolina ansässigen Regionalbank Wachovia und übernahm deren Namen. „Diese beiden Männer waren die Visionäre, die das Wachstum vorangetrieben haben“, sagt Bertges. Die Vision von McColl wird in einer Anekdote deutlich. Als die damals noch kleine North Carolina National Bank in den achtziger Jahren eine Bank in Texas übernahm, fragten Reporter McColl, ob die Bank jetzt nicht einen neuen Namen brauche. „Ich fand immer den Namen ‚Bank of America‘ gut“, antwortete McColl. Das sorgte für entsprechendes Gelächter. Aber die aggressive Einkaufstour ging weiter. 1992 wurde die Bank zunächst in Nations Bank umbenannt. Nach der Übernahme der in den westlichen Bundesstaaten stark vertretenen Regionalbank Bank America 1998 wurde die Nations Bank schließlich zur Bank of America. Gelacht hat darüber niemand mehr. McColl war am Ziel und gab im Jahr 2001 den Vorstandsvorsitz ab. „Hugh McColl wird hier immer noch wie ein Gott verehrt“, sagt Klaus Becker, Vorsitzender der deutsch-amerikanischen Handelskammer in Charlotte. McColl, ein kleingewachsener Mann und ehemaliger Soldat der Elitetruppe Marines, hat die Branche mit militärischer Disziplin aufgerollt. „Er hat eine napoleonische Autorität ausgestrahlt“, erinnert sich Kurt Waldthausen, deutscher Honorarkonsul in Charlotte und Inhaber einer Personalberatung, an ein Treffen mit dem Banker. Der Wettbewerb zwischen Bank of America und Wachovia wird mit harten Bandagen geführt. Das scheint sich in den Wolkenkratzern von Charlotte zu spiegeln. „Die Banken versuchen sich mit immer größeren Gebäuden zu übertreffen“, beobachtete Felix von Uklanski, internationaler Finanzberater bei Merrill Lynch in Charlotte. Bei den Banken selbst wird dies zurückgewiesen. „Unser Wettbewerb mit Wachovia findet auf den Märkten statt und nicht bei Hochhäusern“, sagt Milton Jones, der für North Carolina zuständige Manager der Bank of America. „Unsere Planungen richten sich nicht danach, ob wir ein höheres Gebäude haben als die Bank of America“, sagt Bob Bertges. Die Banken von Charlotte kämpfen nicht nur gegeneinander, sie konkurrieren auch mit den großen Banken in New York. Dabei spielte ihre Herkunft aus den Südstaaten zumindest in den Anfängen ihres Wachstums eine Rolle. Der Süden war nach dem 1865 verlorenen Bürgerkrieg in der Defensive. Lange wurden die Südstaaten als arm und zweitklassig betrachtet. „Der Süden hat lange um gleichwertiges Ansehen gekämpft“, sagt Michael Smith, der selbst aus den Südstaaten stammt und eine Organisation leitet, die die Entwicklung der Innenstadt von Charlotte fördert. Auch McColl nahmen die New Yorker Banker anfänglich nicht ernst. „Es ging ihm wohl auch darum, denen etwas zu beweisen“, glaubt der ehemalige Banker Hunt. Deswegen war es für die Bank of America ein großer Coup, als sie mit ihrem Börsenwert Ende vergangenen Jahres kurzzeitig den New Yorker Marktführer Citigroup überholte. Offiziell wird die Bedeutung des Börsenwertes heruntergespielt. „Es war wahrscheinlich mehr ein Thema für die Citigroup als für uns“, meint Bank-of-America-Manager Jones. Wenn es um Charlotte geht, ziehen die Banken aber an einem Strang. „McColl hat verstanden, dass man eine großartige Stadt braucht, um eine großartige Bank aufzubauen“, sagt Innenstadt-Planer Smith. Die Banken investierten in den Aufbau von Wohnungen und Stadtvierteln, um für die Angestellten ein attraktives städtisches Leben zu schaffen.Die Rechnung scheint aufzugehen. Am Wochenende füllen junge Leute die Bars und Restaurants in der Innenstadt. Jeden Donnerstagabend spielt auf dem Platz vor den Wachovia-Gebäuden eine Band. Die Veranstaltung, „Alive after Five“, ist regelmäßig gut besucht. „Charlotte ist eine Stadt, in der alles möglich ist“, sagt Smith mit Überzeugung.Deutsche Einwohner berichten von der zupackenden Einstellung der Südstaatler. „Ehrenamtliche Tätigkeit wird hier wie selbstverständlich erwartet“, sagt Markus Schlüter, der für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young arbeitet. Den Banken fällt es mittlerweile also nicht mehr schwer, junge Leute anzuziehen. Die Stadt, die landschaftlich reizvoll zwischen den Atlantikstränden im Osten und der Berglandschaft der Appalachen im Westen liegt, ist die am stärksten wachsende Stadt der Ostküste geworden. Als Personalberater Waldthausen 1982 für einen Möbelbeschlagshersteller nach Charlotte kam, war die Stadt tiefe Provinz: Es gab nur zwei Hochhäuser, und internationale Küche gab es nicht. Auch das hat sich geändert. Im Mimosa Grill, einem trendigen Restaurant im Wachovia-Komplex, zieht Justin Hunt ein Resümee über den zweitgrößten amerikanischen Bankenstandort: „Charlotte ist nicht die kleine Stadt, die sie einmal war. Ich würde sie zwar noch nicht kosmopolitisch nennen, aber wir sind auf gutem Weg.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.10.2007 Seite 31